Ich
Dokumente auf meinem Schreibtisch

Ein Stück Geschichte

 

Ich bin Heinz. Geboren am 24. September 1941.

Im Nachlaß meiner Mutter Else fand ich hunderte Briefe, Fotos und Tagebücher aus der Zeit von 1936 bis 1946. Ich lernte daraus meine Eltern neu kennen. Sie durchlebten eine Zeit die aus jungen, lebens- und hoffnungsfrohen Menschen leidgeprüfte, verzweifelte, ums Überleben kämpfende Opfer eines verbrecherischen Regimes machte.

Die folgende Dokumentation des Schicksals von Franz und Else habe ich eingebettet in die Ereignisse der Vorkriegszeit und der Entwicklung auf den Kampfplätzen des 2. Weltkriegs.

Beide waren nicht Mitglied der NSDAP, Else war aber im Reichsarbeitsdienst (RAD) aktiv, während Franz Mitglied in der Reichsarbeitsfront (RAF), der Nachfolgeorganisation der Gewerkschaften, war. Beide hatten vor 1939 Sympathien für die Werte und Ideale der Partei die sich aber im Verlauf der Kriegsjahre ins Gegenteil verkehrten.

Mit Absicht enthalte ich mich jeder Bewertung der Ereignisse und Situationen. Wir können diese zwar nach unserem heutigen Wissensstand kommentieren, uns aber nicht in den damaligen „Zeitgeist“ hineinversetzen und be- oder verurteilen. So waren z.B. Treue, Gehorsam, Opferbereitschaft Tugenden die gelehrt und angestrebt wurden. Sie gehören, so wie viele andere, zu Begriffen die durch den Missbrauch im 3. Reich nach dem Krieg an Relevanz verloren haben oder sogar als „Unwörter“ verpönt sind.

Die angeführten Gedichte und Liedtexte habe ich dem Tagebuch von Else entnommen um einen Eindruck davon zu vermitteln, mit welch perfiden psychologischen Methoden die damalige Jugend mit dem Gedankengut der Nationalsozialisten beeinflusst und im Endeffekt auf den Kampf gegen alles Nichtdeutsche vorbereitet wurde.

Die um die Jahrhundertwende geborene Generation in Deutschland und Österreich wuchs mit dem Trauma eines verlorenen Krieges auf, erlebte schwerste Notzeiten, Wirtschaftskrise, Inflation, Arbeitslosigkeit, radikale Änderungen in Kunst und Kultur, sowie enormen technischen Fortschritt. Umwälzungen in der Politik, Verlust der absolutistischen Herrschersysteme, Aufkommen sozialistischer und kommunistischer Ideologien, noch nicht gefestigtes Demokratieverständnis und Parlamentarismus.

Ein diskussionswürdiges Thema wäre Rassismus und Antisemitismus. Beide gab und gibt es noch immer in unterschiedlichsten Formen weltweit. Ob gegenüber Einheimischen in den ehemaligen Kolonien oder Minderheiten in den heutigen Demokratien – Gier, Neid, Angst, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Hass und alle menschlichen Untugenden dominierten und dominieren über Gewissen und Unrechtsgefühl. So wurden oder werden Indianer ausgerottet, Afrikaner versklavt, Inder ausgebeutet, „Zigeuner“ gefürchtet, Protestanten vertrieben, „Hexen“ verbrannt, Juden vergast, „Tschuschn“, „Boche“, „Goij“ und aktuell Muslime diskriminiert oder verachtet, und so weiter.

In keinem Volk kam es aber je zu einer so massiven Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Mitbürgern aus rassischen, politischen, religiösen, psychischen oder physischen Gründen, wie dies im 3. Reich geschah.

Die damals allgegenwärtige Propaganda, Schuldzuweisungen und Hasstiraden in den (gelenkten) Medien und bei Parteiveranstaltungen lassen es nicht zu „nichts gewußt zu haben“. Ob die Konsequenzen daraus ebenfalls der breiten Masse bewußt wurden, kann aber wahrscheinlich bezweifelt werden.

Auch wenn das Schicksal von Franz und Else im Kontext zum Weltgeschehen steht, soll das persönliche Leben und Erleben der Beiden im Mittelpunkt stehen – ein Mikrokosmos mit Freuden und Leiden im Universum der größten Katastrophe der Menschheit.

Else H., geb. P.

Meine Mutter

Franz H.

Mein Vater